Die Einstellung zählt - Nicht immer ist der Einsatzort das Problem
Personal.Manager International 04/2008,
Datakontext-Verlag
Autorin: Brigitte Hild
"Oh Gott, ich weiß nicht, ob ich das aushalte. Es ist mein erster Morgen in Kasachstan, es ist gerade einmal elf Uhr und ich habe bereits alles getan, was zu erledigen ist. Und ich habe noch vier weitere Jahre (oder eintausendvierhundertsechzig Tage) vor mir, bevor diese Entsendung zu Ende geht. Wie, um Himmels willen, soll ich das nur schaffen?"
Mit dieser Frage beginnt Brigid Keenan im Februar 2002 ihre inzwischen als Buch erschienenen Tagebucheintragungen in Almaty. Die Britin, Ehefrau eines EU-Diplomaten, ist nach drei Jahren im heimischen England in Zentralasien angekommen. Sie kennt keine Menschenseele, vermisst die Töchter, die zur Ausbildung in Europa bleiben und hat Heimweh nach dem letzten Einsatzort Syrien, wo sie sich intensiv für die Restaurierung alter Häuser in Damaskus’ Altstadt eingesetzt hatte. 20 Auslandsjahre und sechs Einsätze in Afrika, Arabien und der Karibik hat sie bereits erfolgreich gemeistert – und ist in diesem Moment doch fest überzeugt davon, sich in "the steppe", wie sie es nennt, niemals wohlfühlen zu können.
Brigid Keenan sträubt sich gegen Almaty, obwohl sie durch ihre Auslandserfahrung selbstverständlich weiß: Das Leben in einer fremden Kultur ist niemals völlig problemlos. Natürlich variieren die Herausforderungen von Ort zu Ort und meistens gibt es an exotischeren Plätzen, von Expats oft als "Härte-Posten" bezeichnet, wirklich mehr Schwierigkeiten zu meistern als in Metropolen mit großer Expat-Gemeinde. An "schwierigen" Orten warten mehr frustrierende Erlebnisse auf den Europäer, der sich mühsam mit dem neuen Alltag zu arrangieren versucht. Nichts ist selbstverständlich, viele Dinge gehen schief, vermeintliche Kleinigkeiten funktionieren nicht oder entziehen sich unserer Kontrolle. Und das schlimmste: Wir können scheinbar nichts dagegAusgepowert - Wenn Unterstützung fehlt
Auch in Zeiten der internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen gibt es noch immer Firmen, die ihre Mitarbeiter ohne Vorbereitung und Unterstützung ins Ausland entsendeen tun, es gibt keinen Zauberspruch, der die Dinge zum Funktionieren
oder die vielen kleineren oder größeren Probleme zum Verschwinden
bringt.
Die Situation akzeptieren
Wer akzeptiert, dass die Dinge anders sind als er sie kennt, tut einen
wesentlichen Schritt, um sich trotz aller Widrigkeiten wohl zu fühlen.
Denn diese Akzeptanz ist die Voraussetzung, um individuelle,
konstruktive und gangbare Wege zu finden, mit den unvermeidlichen
Frustrationen fertig zu werden. Ganz anders sieht es aus, wenn die
Situation eine negative Spirale aus Ärger, Wut, Zynismus oder purer
Ablehnung in Gang setzt. In einem solchen Stimmungstief ist der Expat
selbst sein größter Widersacher auf dem Weg zu einem als positiv
empfundenen Aufenthalt im Gastland.
Jeder Expat, jedes mitausreisende Familienmitglied erlebt die Zeit
einer Entsendung ganz individuell, in einer bestimmten Phase des
eigenen Lebens. Daher gibt es auch unzählige Gründe dafür, warum die
Anpassung an die neuen Lebensumstände im Ausland Schwierigkeiten
bereiten kann. Im Allgemeinen lassen sich aber drei Problembereiche
eingrenzen, die häufig zu Irritationen führen:
- Mangelnde Erfahrung mit den Verhältnissen im Ausland
- Zu wenig Unterstützung
- Fehlende Offenheit
Fehlende Erfahrung schürt Heimweh
Wer die Heimatstadt bisher nur für den Urlaub verlassen hatte und sich
nun plötzlich mit dem gesamten Haushalt an einem exotischen Ort
wiederfindet, der meilenweit von den gewohnten europäischen Standards
entfernt ist, fängt unweigerlich an, Vergleiche zu ziehen. Fallen diese
Vergleiche dann permanent zu Ungunsten des Gastlands aus, machen sich
Frust und Unzufriedenheit breit. Das neue Land, die neue Kultur kann
mit dem, was daheim aufgegeben wurde, nicht mithalten – und der Expat
macht sich das Leben schwer, weil er der Vergangenheit nachtrauert,
statt die Gegenwart aktiv und positiv zu gestalten.
Immer und immer wieder zu grübeln, wie schön doch das Leben zu Hause
war, ist eine denkbar ineffektive Art, um mit den Herausforderungen
einer neuen Kultur fertig zu werden. Negative Vergleiche ziehen uns
runter – und sie beeinflussen auch die Menschen unserer Umgebung. Die
nette junge Düsseldorferin versuchte mit ihren sehnsüchtigen
Erinnerungen einen Ausgleich zu schaffen für ihre Schwierigkeiten mit
dem finnischen Alltag und spürte nicht, wie sie sich und ihre Kinder
gerade dadurch davon abhielt, die schönen Seiten Helsinkis überhaupt
wahrzunehmen.
Ausgepowert - Wenn Unterstützung fehlt
Auch in Zeiten der internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen gibt es noch immer Firmen, die ihre Mitarbeiter ohne Vorbereitung und Unterstützung ins Ausland entsenden. Wer innerhalb kürzester Zeit die Koffer packen muss, um in einer fremden Kultur Leistung zu erbringen und keine Gelegenheit erhält, sich mit Hilfe von Sprachtraining, interkultureller Vorbereitung und Ortsbesichtigung dem Gastland anzunähern, tut sich häufig besonders schwer. Neuankömmlinge, die nach der Ankunft alle bürokratischen und organisatorischen Hürden alleine meistern müssen – wie der junge Hochschulabsolvent, der in Peking die Niederlassung schwäbischen Mittelständlers aufbauen sollte – haben ebenfalls nur selten einen Blick für die positiven Seiten ihrer neuen Heimat: Der ständige und kräftezehrende Kampf, um zunächst einmal die elementaren Dinge des Alltags zu bewältigen, äußert sich dann leicht in einer pauschalen Ablehnung von Land und Leuten: Die Chinesen alle unzuverlässig, die Stadt ein Chaos und das Essen sowieso ungenießbar... Von Aufgaben und unrealistischen Erwartungen des Arbeitgebers überfordert, hat der junge Mann die Jahre in Peking sicherlich nicht als Bereicherung empfunden.
Innerer Widerstand statt Offenheit
Um neue Situationen erfolgreich zu meistern, ist die Bereitschaft dazu der wichtigste erste Schritt. Wer schon mal einen Teenager zu einem Ausflug überredet hat, an dem dieser eigentlich nicht teilnehmen wollte, weiß, was ich meine: Mit mürrischem Gesicht wird der Jugendliche den Tag über sich ergehen lassen und mit großem Erfolg einfach alles nur als nervige Zumutung empfinden.
Nun sind Expatriates in der Regel längst dem Teenageralter entwachsen, trotzdem kann eine negative Einstellung der schlimmste Feind einer erfolgreichen Akklimatisierung im Gastland sein. Häufig wird der Grundstein zu einer ablehnenden Haltung bereits lange vor der Ausreise gelegt. Da fragen "wohlmeinende" Kollegen, was man wohl verbrochen habe, um ausgerechnet den Job in Nigeria übernehmen zu müssen. Die beste Freundin behauptet mit kaum verdecktem Vorwurf in der Stimme, dass sie niemals Heimatort, Freunde und Verwandte verlassen könnte, um ausgerechnet in Almaty zu leben. Oder die Schwiegermutter fragt, wie man in Addis Abeba überhaupt zurecht zu kommen gedenke. Oft sind diese Bemerkungen nicht böse gemeint, aber die Zweifel werden gelegt - und die Saat geht später auf: Allerspätestens bei den ersten Schwierigkeiten, die so sicher auftauchen wie das Amen in der Kirche, fragt sich der Expat, ob seine Entscheidung die richtige war. Land und Leute werden mit Argusaugen betrachtet, man zieht sich in den Kreis der Expat-Community oder eigener Landsleute zurück und lehnt es ab, die Sprache zu lernen oder tiefer in die als fremd empfundene Gesellschaft des Gastlands einzutauchen.
Kurz gesagt: Wer sich dafür entscheidet, sich im Gastland nicht wohlfühlen zu wollen, der fühlt sich auch nicht wohl! Wer der Zeit im Ausland nicht offen und unvoreingenommen entgegen tritt, wird sich nicht einleben – sondern alles daran setzen, dass sich sein – negatives – Bild der Entsendung bewahrheitet.
Entscheidend ist die Einstellung
Keine Frage: Jeder Expatriate erlebt immer wieder Momente des Heimwehs und der Verunsicherung. Und natürlich gibt es wirklich schwierige Entsendungsorte. Aber häufig ist nicht der Ort das eigentliche Problem. Expatriates, die gerade angestrengt versuchen, sich in einer ungewohnten Kultur zurecht zu finden, sollten zuversichtlich bleiben: Sie werden sich an Ihr neues Leben gewöhnen.
Bis es soweit ist, können sie jedoch mit ihrer Einstellung selbst sehr viel zu ihrem Wohlbefinden beitragen. Wenn wieder einmal gar nichts klappt, der Strom ausfällt, die Butter ranzig ist oder der Taxifahrer sie über das Ohr gehauen hat, hilft es, tief durchzuatmen und zu überlegen, wie sich die schwierige Situation konstruktiv meistern lassen könnte. Die meisten Expats haben schon ganz andere Hürden in Ihrem Leben erfolgreich in den Griff bekommen! Sie sollten daher in harten Zeiten ganz bewusst daran arbeiten, zu viele negative Gedanken in ihre Schranken zu verweisen. Die Zeit im Ausland ist eine vorübergehende Erfahrung und eine offene und positive Grundhaltung ist die beste Voraussetzung, um mit den Herausforderungen eines Alltags in der Fremde fertig zu werden.
Brigid Keenan beschreibt am Schluss ihres Buches den notwendigen "Aha-Effekt" in Almaty mit drastisch- britischer Offenheit: "Ich bin in einem Alter, in dem ich, würde ich meine eigene Todesanzeige in der Zeitung sehen, nicht all zu bestürzt oder traurig wäre. Daher möchte die Jahre, in denen ich noch gesund und voller Energie bin, nicht damit verbringen, mir zu wünschen, dass die Zeit hier in Kasachstan endlich vorbei geht".
Und tatsächlich: Nach einigen Wochen sieht die Welt für sie bereits anders aus. Die Bekanntschaft mit zwei jungen Forschern führt ihren Mann und sie zu vielen historischen Orten und interessanten Ausgrabungsstätten, nach einigen Monaten organisiert sie als Reaktion auf den Irakkrieg gemeinsam mit Freunden vor Ort ein Friedenskonzert und knapp ein Jahr nach dem bitter klingenden ersten Eintrag in ihrem Kasachstan-Tagebuch überlegt sie laut, ob der Einsatz nicht verlängert werden könnte, statt nach Hause zu gehen und "die Tür vor weiteren Abenteuern zu verschließen"! Ihr Fazit für ihre Auslandszeit: "Es ist nicht exakt das Drehbuch, das ich selbst bewusst für mein eigenes Leben geschrieben hätte – aber beklagen kann ich mich wirklich nicht".
Text: Brigitte Hild
Buchtipp
Brigid Keenan
John Murray Verlag, 2006, ISBN 0719567262
Diplomatic Baggage: The Adventures of a Trailing Spouse