Sie sind gut ausgebildet, mobil und ungebunden - und auf der Suche nach neuen Herausforderungen sind Länder- und Kulturgrenzen für sie kein Hindernis: Die jungen Jobnomaden gelten als Motoren der Globalisierung. Ist der rastlose Lebensstil ein Modell für die Zukunft?
Neben den klassischen Expatriates, die für einige Jahre ins Ausland
gehen und das Budget ihres Arbeitgebers leicht mit dem dreifachen der
inländischen Gehaltskosten belasten, rückt seit einer Weile eine neue
Mitarbeitergruppe in das Interesse weltweit operierender Unternehmen:
Junge Mitarbeiter, örtlich ungebunden und so interessiert an
internationaler Erfahrung, dass sie auf teure Expat-Packages verzichten
und mit lokalen Verträgen und abgespeckten Konditionen im Ausland ihr
Bestes geben. Ist die Aufgabe beendet, das Projekt abgeschlossen, sind
die Koffer schnell gepackt - die nächste Herausforderung wartet
irgendwo anders auf der Welt.
Global Souls - Modell der Zukunft?
Flexibel,
motiviert und anspruchslos - die jungen Mobilen gelten als
Wunschkandidaten vieler Unternehmen, der "Spiegel" sah kürzlich gar
"unter den Weltkonzernen den Kampf um die besten Köpfe mit der größten
Mobilität entbrannt". Die Journalistin Gundula Englisch geht in ihrem
Buch "Jobnomaden" noch einen Schritt weiter und prophezeit uns eine
Zukunft mit einer völlig flexiblen Arbeits- und Lebenswelt. Und auch
der Journalist Pico Iyer, als Sohn indischer Eltern in England und den
USA aufgewachsen und beständig zwischen Tokio, Kalifornien,
Großbritannien und weiteren temporären Wohnorten pendelnd, sieht die
Menschen der Zukunft als "Global Souls", die letztendlich von Mobilität
und Freizügigkeit profitieren. Doch sind wir wirklich für das
Nomadenleben gemacht?
Einsamkeit unter schillernder Oberfläche
Zweifel
sind erlaubt. Die Herausforderung liegt schließlich nicht nur in der
immer neuen beruflichen Konstellation, sondern vor allem auch im
privaten Umfeld. Das hat auch Margaret Malewski erfahren. In Montreal
geboren und aufgewachsen, ging die Kanadierin während des Studiums nach
Polen, arbeite anschließend für den weltweit agierenden Konzern Procter
& Gamble in Genf und fasste ihre Erfahrungen in ihrem 2005
erschienenen Ratgeber "GenExpats", zusammen, der einer neuen
Expat-Generation mit praktischen Tipps dabei helfen will, eine gesunde
Balance zwischen Karriereerfordernissen und erfüllten Privatleben zu
finden. Auf den ersten Blick, so Malewskis Erfahrung, haben junge und
erfolgreiche Expats tolle Jobs, viele Freunde und ein beneidenswert
spannendes Leben. Doch kratzt man ein wenig an der schillernden
Fassade, kommt ein anderes Bild an die Oberfläche: Da fühlt sich so
mancher einsam und ohne tiefere Bindungen und spürt trotz der scheinbar
mühelosen Wechsel zwischen Städten und Kontinenten eine tiefe Sehnsucht
nach Kontinuität und Verwurzelung.
Sehnsucht nach Privatleben
Berufliche
Mobilität hat einen enormen Einfluss auf die private Zufriedenheit. Das
bestätigt auch eine Studie zur Lebenssituation mobiler Menschen, für
die der Soziologe Norbert Schneider von der Universität Mainz 800
Berufsmobile, vom Fernpendler bis zum Wochenendheimfahrer, befragte. Am
erfolgreichsten bewältigte die Herausforderungen die Gruppe der
"Umzugsmobilen", die für den Beruf einen Fernumzug mit der ganzen
Familie in Kauf nahmen.
Doch viele der jungen Mobilen haben gerade damit Pech, denn das
Privatleben der meisten Jobnomaden funktioniert nur dann reibungslos,
wenn es nach konservativem Muster gestrickt ist: Einer hat den Job, der
andere – meist ist es eine "Sie" – zieht problemlos mit um. Und daran
hapert es heute immer öfter. Wie bei Bernhard Terjong (Name geändert).
Der 42jährige lebt in Manila, alleine. Seit 14 Jahren arbeitet der
Manager inzwischen im Ausland, Stationen waren unter anderem Peking,
Addis Abeba und Almaty. Natürlich hatte er Beziehungen, aber wenn es
dann wieder ans Umziehen ging, stellte sich die Frage, ob die
Partnerschaft tragfähig genug für den Wechsel ist. Bisher fiel die
Antwort negativ aus, noch trägt es Terjong gelassen. Doch wenn er beim
Heimaturlaub in Deutschland Geschwister oder alte Freunde besucht, die
Hochzeit und Kinderwagenschieben längst hinter sich haben, gibt es ihm
schon manchmal einen Stich. Und er ahnt auch: "Irgendwann in den
nächsten Jahren muss ich den Absprung nach Deutschland schaffen, habe
ich die 50 mal erreicht, kann ich nur noch im Ausland bleiben".
Alternative Fernbeziehung
Haben
beide Partner berufliche Ambitionen, bleibt häufig nur die
Fernbeziehung, wie Anette und Markus Hallek (Namen geändert) sie seit
gut vier Jahren leben. Kennen gelernt hatten sich die beiden
Wissenschaftler schon während des Biologie-Studiums in Tübingen.
Während Markus für seine Promotion nach Heidelberg ging, nahm Anette
nach dem Doktortitel einen gut dotierten Job in einem kalifornischen
Labor an. Zwei Mails pro Tag und längere Telefonate am Wochenende
mussten genügen, um die Beziehung lebendig zu halten. Im Sommer kam
Anette für einige Wochen nach Deutschland, über Weihnachten und
Silvester flog Markus in die USA. Im vorletzten Urlaub haben beide
geheiratet, seit Januar ist Markus Hallek seiner Frau zumindest etwas
näher gerückt: Ein Pharmakonzern hat ihn mit einem Zweijahresvertrag
nach Boston entsandt. Doch noch immer liegen ein Kontinent und vier
Stunden Zeitverschiebung zwischen den beiden - zu viel für ein
gemeinsames Familienleben. Den Wunsch nach einem Kind hat das Paar auf
eine unbestimmte Zukunft vertagt.
Ohne Bindung und Rückhalt droht der Burn-out
Wer
ohne oder weitab vom Lebenspartner sein Leben in einer neuen Stadt neu
einrichtet, muss berufliche und kulturelle Herausforderungen alleine
schultern. Da ist niemand, für den sich ein früher Feierabend lohnt.
Keiner, der die Höhen und Tiefen der Anfangsphase in einem neuen Umfeld
mit trägt, die Wohnungseinrichtung übernimmt oder für soziale Kontakte
sorgt. Traditionelle Kontaktbörsen wie Auslandsschulen oder
internationale Kindergärten fallen für Singles ebenfalls flach. Viele
stürzen sich um so verbissener in die Arbeit, die Karriere wird zum
alleinigen Lebensinhalt. So lange das die Kräfte nicht übersteigt, ist
alles in Ordnung, aber auf Dauer rächt sich die einseitige
Lebensführung manches karrierebewussten Jungmanagers durch einen
veritablen Burn-out. Die Kehrseite eines auf den ersten Blick
schillernden Lebensstils, der auf den Hochglanzseiten der
Karrieremagazine noch immer als großes Abenteuer dargestellt wird.
Sehnsucht nach Sesshaftigkeit
Auch
wenn die Zahl der Jobnomaden in den letzten Jahren stetig zugenommen
hat, sind Lebensläufe wie die von Bernhard Terjong oder Anette und
Markus Hallek die Ausnahme: Die meisten Deutschen, das hat eine Studie
des BAT Freizeitforschungsinstituts aus dem Jahr 2003 ergeben, lieben
es sesshaft: Fast Dreiviertel aller Befragten möchte gerne so arbeiten
wie ihre Eltern: In Festanstellung, mit möglichst geregeltem Feierabend
und ohne häufige Ortswechsel. Die Jungen sind da keine Ausnahme: Gerade
einmal 33 Prozent der 18- bis 34-Jährigen kann sich für flexible
Arbeitsformen und Mobilität im Berufsleben begeistern. Eine Umfrage des
Recruitingdienstleisters Access aus dem Jahr 2005 bestätigt diesen
Trend: Von über 3000 befragten Absolventen und Berufseinsteigern
bezeichneten gerade einmal 26 Prozent die Chance auf einen
Auslandsaufenthalt als wichtiges Kriterium bei der Wahl ihres
Arbeitgebers - auch wenn diese sich das ganz anders wünschen: 38,6
Prozent der deutschen Unternehmen wollen 2006 mehr Mitarbeiter ins
Ausland schicken, wie das Handelsblatt im Herbst 2005 in einer Umfrage
ermittelte.
Genügend Handlungsbedarf also für Unternehmen, trotz Kostendrucks nach
Wegen zu suchen, um die Auslandstätigkeiten auch auf lange Sicht
attraktiv zu erhalten und jungen Talenten, die nicht in das klassische
Expat-Muster passen, maßgeschneiderte Unterstützung anzubieten – damit
der Burn-out keine Chance hat.
Autorin: Brigitte Hild
Personal.Manager International