Mit dem Zusammenschluss eines familiengeführten Spezialanbieters aus der Medizintechnik mit seinem bisherigen Konkurrenten entstand ein Schulungsteam, das weltweit Kunden im Einsatz der neuen Techniken einweisen und Messen betreuen sollte. In diesem 15-köpfigen Team trafen nicht nur zwei unterschiedliche Firmenkulturen aufeinander, sondern Menschen aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Schweden, Italien und den USA. Nach den ersten vier Monaten waren nicht nur die Kundenfeedbacks, sondern auch die Stimmung im Team im Minusbereich – ein klassischer Fall?
Multikulturelle Arbeitsteams gehören in international operierenden
Unternehmen heute zum Alltag - doch nur selten klappt die
Zusammenarbeit von Anfang an problemlos. Ihr Erfolg steht und fällt mit
den kommunikativen und sozialen Fähigkeiten der Menschen, die als
Teammitglieder ein gemeinsames Ziel verfolgen. Auch ins Ausland
entsandte Mitarbeiter, wie der in Singapur stationierte „Regionalleiter
Südostasien“ eines norddeutschen Handelshauses beispielsweise, werden
in hohem Maße daran gemessen, wie gut es ihnen gelingt, ihrer
Führungsaufgabe in der Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort gerecht
zu werden. Doch wie geht man die Zusammenarbeit in einem Umfeld mit
fremder Kultur an? Die meisten von uns haben die Tendenz, sich neuen
Aufgaben und Situationen erst einmal mit den Verhaltensweisen und
Methoden zu nähern, die sie am besten kennen und beherrschen. Vielfach
erprobt, sind sie bestens vertraut, bürgen scheinbar für Erfolg und
suggerieren daher Sicherheit. Doch eine wirklich gute Zusammenarbeit in
interkulturellen Teams erreicht nur, wer in der Lage ist, die
trügerische Sicherheit der persönlichen Komfort-Zone zu verlassen und
seinen Management-Stil so anzupassen, dass kulturelle Unterschiede die
gemeinsame Arbeit nicht behindern.
Was macht eine Gruppe Menschen zu einem Team? Da ist zunächst die
Aufgabe oder Mission, die diese Menschen gemeinsam erfüllen wollen. Für
diese Ausgabe ist es notwendig, dass sie organisiert und zielgerichtet
zusammenarbeiten. Doch bis zu dieser erfolgreichen Zusammenarbeit ist
es ein langes Stück Weg, auf dem die Gruppe verschiedene Phasen
durchläuft:
- Forming:
In dieser ersten Phase werden die Aufgaben und Ziele
des Teams definiert. Die Mitglieder lernen einander kennen, klären
vorsichtig erste Beziehungen, übernehmen Rollen.
- Storming:
In
der nächsten Phase werden die Differenzen innerhalb der Gruppe zum
Thema: Konflikte um Aufgaben, Rollen und Ziele brechen auf.
- Norming:
Die Phase, in der die Gruppe "Spielregeln" einführt und eine eigene Teamkultur entwickelt.
- Performing:
Erst
jetzt, nachdem die Rollen, Erwartungen und Spielregeln geklärt sind,
ist das Team in der Lage, produktiv, kreativ und erfolgreich an der
eigentlichen Aufgabe zu arbeiten.
Die große Herausforderung für international zusammengesetzte Teams sind
die unterschiedlichen Annahmen und Erwartungen, die Menschen aus
verschiedenen Kulturen während des Teambildungsprozesses im Hinblick
auf ihre Rolle und ihre Verantwortlichkeiten haben.
In Deutschland gehen wir beispielsweise davon aus, dass ein Team in
erster Linie ein gutes Ergebnis zu liefern hat. Asiatische Mitglieder
einer Arbeitsgruppe stellen eher die Funktion der Gruppe in den
Mittelpunkt. Daher werden sie in der Forming-Phase sehr großen Wert auf
das Kennen lernen und die Teambildung legen, während die deutschen
Mitglieder bereits zu diesem Zeitpunkt stärker das Endergebnis im Auge
haben.
In unserer Kultur ist die Storming-Phase von relativ offen
ausgetragenen Konflikten und Konfrontationen geprägt. In Asien dagegen
wäre eine offene Konfrontation ein Affront, Meinungsverschiedenheiten
werden daher indirekt und sehr subtil ausgedrückt. In der
Norming-Phase der Teambildung fällt es deutschen Managern schwerer,
ihre Individualität den Gruppenregeln unterzuordnen, während Asiaten es
viel stärker gewohnt sind, in Teams zu arbeiten. Die Performing-Phase
schließlich verlangt von allen Teammitgliedern, dass sie sich aktiv in
das Team einbringen, Probleme angehen und Verantwortung für sich
selbst, die Gruppe und das Endergebnis übernehmen. Je nach Mentalität
werden sie diese Aufgaben sehr unterschiedlich angehen. Und
gleichzeitig auch Team und Arbeitsergebnis sehr unterschiedlich
beurteilen.
Die Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Kulturen bietet aber
nicht nur Raum für Stolpersteine. Ihre große Chance liegt darin, dass
ein multikulturelles Team Aufgabenstellungen mit einer viel größeren
Bandbreite von Ansichten, Werten und Ideen angeht als das einer
homogenen Gruppe möglich ist. Wesentlich für den Erfolg des Teams ist
sicher auch, wie gut sie geführt werden. Mit Hilfe interkultureller
Trainings bereiten inzwischen viele Unternehmen ihre Manager und
Auslandsmitarbeiter auf diese Führungsaufgabe vor. Interkulturelle
Kompetenz ist das Ziel. Doch sie besteht nicht darin, eine lange Liste
stereotyper "Dos and Dont's" der fremden Kultur auswendig zu lernen.
Vielmehr gilt es die Fähigkeit zu entwickeln, Handlungsweisen und
Situationen sensibel und mit großem Bewusstsein für die eigene
kulturelle Prägung zu beurteilen. Ein gutes interkulturelles Training
bezieht daher immer die eigenen Wertehaltungen der Teilnehmer mit ein.
Einen praxisorientierten Ansatz hat die die deutsche Psychologin
Elisabeth Marx entwickelt. In ihrem - englischsprachigen - Buch
"Breaking Through Culture Shock: What You Need to Succeed in
International Business" definiert sie drei Dimensionen, in denen sich
Kulturen stark unterscheiden. Diese Einteilung soll Managern helfen,
komplexe interkulturelle Situationen im Berufsleben zu meistern.
Elisabeth Marx rät Managern, sich in jeder internationalen
Geschäftssituation folgende Fragen zu stellen:
- Ausrichtung:
Liegt das Gewicht vor allem auf der anstehenden
Aufgabe oder stehen die Menschen im Vordergrund? Wie schnell kann die
Aufgabe erledigt werden? Wie viel Energie muss in den Aufbau von
Beziehungen investiert werden?
- Angehen der Aufgabe:
Ist
ein fester Rahmen für das Angehen der Aufgabe wichtiger als
Flexibilität? Wie detailliert muss der Rahmen sein, in dem die Aufgabe
angegangen wird? Sind Zeitpläne verlässlich, die Kollegen oder
Geschäftspartner vorgeben?
- Kommunikations- und Präsentationsstil:
Welcher
Kommunikations- und Präsentationsstil dominiert? Rein sachlich oder
ausdrucksvoll? Dürfen heikle Themen angeschnitten werden? Wird
formelles Handeln und Gebaren erwartet oder darf es informell sein?
Mit diesen Fragen lassen sich kulturelle Unterschiede pragmatisch
einstufen, denn die drei dargestellten Schlüsselbereiche decken die
wichtigsten Missverständnisse in der Zusammenarbeit mit anderen
Kulturen ab. Die Konzentration auf diese Bereiche soll dabei eine
einseitige und stereotype Sichtweise einer anderen Kultur verhindern,
da sie ein Gerüst vorgeben, das individuelle Ausnahmen zulässt. Dieses
kulturelle Grundgerüst berücksichtigt, dass es in der Kommunikation mit
anderen Kulturen kein absolutes "Richtig" oder "Falsch" geben kann.
Stattdessen ist es fast immer möglich, dass mehrere Interpretationen
bzw. Reaktionsweisen angemessen sind.
Wer im internationalen Umfeld effektiv arbeiten möchte, sollte sich
also davor hüten, stereotypes Schwarz-Weiß-Denken anzuwenden. Nur wer
die eigene Kultur und seine eigenen Denkmuster gut kennt, kann auch den
Zugang zur Denkweise anderer Kulturen finden. Im Umgang mit Kollegen
oder Geschäftspartnern greift er dann nicht länger automatisch auf
altvertraute - aber im neuen Umfeld oft unangemessene -
Verhaltensweisen zurück, sondern ist in der Lage, ein breites
Verhaltensspektrum anzuwenden.
Auch wenn der gute Wille da ist: Nicht immer gelingt es Führungskräften
auf Anhieb, Schwierigkeiten innerhalb eines Teams aufzubrechen. Ein
individuelles Coaching ist eine Möglichkeit, um mit dieser nicht
einfachen Situation umzugehen und Handlungsalternativen zu finden.
Idealerweise sollte der Coach mit interkulturellen Fragestellungen
vertraut sein. Ebenfalls oft hilfreich: ein international
ausgerichtetes Teamtraining, damit die Schwierigkeiten thematisiert
werden und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden kann. Unternehmen
und Führungskräfte handeln dann professionell, wenn sie bei
auftauchenden Problemen in der internationalen Zusammenarbeit nicht zu
lange warten, bevor sie ihren Mitarbeitern mit geeigneten Trainings-
oder Coachingmaßnahmen den Rücken stärken. Auf diese Weise lassen sich
Folgekosten vermeiden und auf lange Sicht eine wirklich international
ausgerichtete Unternehmenskultur entwickeln.
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