Anne und Norbert Merkler (Namen geändert) hatten Glück: Im Juli 1989
mussten sie ihren damaligen Einsatzort, Peking, nach den Unruhen am
Platz des Himmlischen Friedens überraschend verlassen. Ihr Gepäck
bestand aus zwei Koffern, als sie gemeinsam mit anderen Europäern
ausgeflogen wurden. Die winzige Wohnung in einem Hotel-Komplex für
Ausländer ließen sie mit all ihren persönlichen Dingen in der Obhut
ihrer chinesischen Haushaltshilfe, der "Ayi" zurück. Als Norbert
Merkler einige Monate später zurück nach Peking flog, um sich um sein
Hab und Gut zu kümmern, war alles unversehrt.
Evakuierungen, wie sie die Merklers erlebten, sind selten notwendig,
doch sie lassen sich für Expatriates nicht völlig ausschließen. Die
Geschehnisse des 11. September 2001, die SARS-Krise oder die Reaktionen
auf die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark haben gezeigt, wie rasch sich
auch eine vermeintlich stabile Situation verändern kann. Ereignisse,
die Überlegungen zu einer vorzeitigen Ausreise oder einer angeordneten
Evakuierung notwendig machen, sind extreme Stress-Situationen. Wann ist
der richtige Zeitpunkt? Wohin soll es gehen? Was muss, was kann mit?
Zusätzliche Belastungen in einer solchen Situation lassen sich
vermeiden, wenn Sie eine persönliche Notfallplanung für sich
aufstellen. Die folgende Checkliste hilft bei den Überlegungen:
Liste mit persönlichen Daten
Stellen Sie für jedes Familienmitglied eine Liste mit den folgenden
Daten zusammen und aktualisieren Sie sie in regelmäßigen Abständen.
Deponieren Sie zur Sicherheit ein Exemplar bei einer Person Ihres
Vertrauens in Deutschland:
- Pass oder Kinderausweis: Nummer, Ausstellungsort und -datum
- Personalausweis: Nummer, Ausstellungsort und -datum
- Führerschein: Nummer, Ausstellungsort und -datum
- Bankkonten: Nummern und Details
- Kreditkarten: Nummern und Details
- Krankenversicherung: Nummer, Gesellschaft
- Rentenversicherung: Nummer
- Persönliche Versicherungen: Nummern, Gesellschaften
- Auto: Typ, Modell, Seriennummer, Kennzeichen
- Regelmäßig erforderliche Medikamente
- Daten des aktuellen Brillenrezepts
- Wichtige Telefonnummern: Arbeitgeber, Ärzte, Rechtsanwalt, Steuerberater etc.
Kopien wichtiger Unterlagen
Von den folgenden Dokumenten und Unterlagen sollten Sie Kopien
anfertigen, von Zeit zu Zeit aktualisieren und sicher in Deutschland
hinterlegen:
- Familien-Stammbuch (Geburts- und Heiratsurkunden)
- Testament und Vorsorgeverfügung
- Vollmachten
- Beruflich relevante Unterlagen: Lebensläufe, Zeugnisse
- Versicherungsunterlagen
- KFZ-Briefe
- Grundbuchunterlagen
- Aktiendepots
- Steuerunterlagen
- Aktuelle Zusammenstellung Ihres Hausrats
- Private Adressen und Telefonnummern
E-Mail-Account mit allen wesentlichen Daten
Eine gute Idee ist es auch, vor der Ausreise ein internetbasiertes
E-Mail-Konto anzulegen, auf das Sie weltweit Zugang haben (Web.de,
Yahoo, Hotmail u.a.). An diese Mailadresse schicken Sie alle wichtigen
Informationen und eingescannte Bilder von Pässen, Stammbuch usw., die
sich so nach einem Verlust leichter ersetzen lassen. Natürlich sollte
man bei diesem Vorgehen besonders sorgfältig darauf achten, dass die
Zugangsdaten zum E-Mail-Konto nicht in falsche Hände geraten.
Vor der Ausreise
Die folgenden Punkte sollten Sie am besten bereits vor der Ausreise geklärt und erledigt haben:
- Bevollmächtigen Sie eine Person Ihres Vertrauens, Sie im Notfall in Vermögens-, Steuer- und Rechtsangelegenheiten zu vertreten.
- Klären Sie, wer die Vormundschaft für Ihre Kinder übernehmen soll, falls Ihnen und Ihrem Partner etwas zustößt.
- Stellen Sie sicher, dass beide Partner Vollmacht über die
Bankkonten haben. Beide Partner sollten über eigene Kreditkarten
verfügen. Beides ist wichtig für den Fall, dass Sie einige Zeit an
getrennten Orten verbringen müssen.
- Stellen Sie eine Liste der regelmäßig wiederkehrenden
finanziellen Verpflichtungen (Miete, Zinsen, Versicherungen, Steuer
etc.) zusammen.
- Überlegen Sie, was Sie ins Ausland mitnehmen. Persönliche Dinge
sind für das Wohlbefinden wichtig, aber denken Sie auch daran, dass
Unersetzliches verloren gehen kann. Suchen Sie Kompromisse. Beispiel:
Nehmen Sie Ihre alten Fotoalben mit, aber lassen Sie die Negative in
Deutschland.
- Packen Sie, unabhängig vom Entsendungsort, Sommer- und Winterkleidung ein.
- Stellen Sie Ihrer Familie in Deutschland wichtige Telefonnummern zusammen.
Nach der Ankunft am Entsendungsort
Sie haben sich sicherlich bereits vor der Ausreise mit der politischen
und wirtschaftlichen Situation im Gastland auseinander gesetzt,
eventuell in einem interkulturellen Training mehr über Land und Leute
erfahren. Nach der Ankunft sind folgende Schritte ratsam:
- Nehmen Sie Kontakt mit dem nächstgelegenen deutschen Konsulat
oder der Botschaft auf. Lassen Sie sich dort in der sogenannten
"Deutschenliste" registrieren. Auf diese Weise können Sie bei
Gefahrensituationen leichter informiert werden. Diese Registrierung ist
freiwillig, das Formular oft bereits online erhältlich.
- Erkundigen Sie sich bei Kollegen und anderen Expats über die aktuelle Sicherheitssituation.
- Stellen Sie sicher, dass Ihr Arbeitgeber in Deutschland über ihre kompletten und aktuellen Kontaktdaten verfügt.
- Stimmen Sie ein Notfallprozedere mit ihrem Arbeitgeber ab: Wer ist wofür verantwortlich? Wie läuft der Informationsfluss?
- Stellen Sie sich Ihren Nachbarn vor.
- Machen Sie sich mit den Gegebenheiten für Notfälle vertraut. Wo
ist das nächste Krankenhaus, die Polizei, die Feuerwehr? Erstellen Sie
eine Liste mit persönlichen Notfallnummern.
- Bewahren Sie Medikamente und Verbandsmaterial so auf, dass Sie im Notfall sofort Zugriff haben und es auch mitnehmen können.
- Achten Sie darauf, mit allen notwendigen Impfungen up-to-date zu sein.
- In Gebieten mit erhöhter Sicherheitsgefahr sollten Sie einen batteriebetriebenen Kurzwellen-Empfänger bereit halten.
- Erwerben Sie Grundkenntnisse in der Sprache des Gastlands.
- Schließen Sie sich mit anderen Eltern zusammen, um eine Betreuung Ihrer Kinder in Notfällen sicherzustellen.
Krisensituation
Wenn es in Ihrem Gastland zu einer kritischen Situation kommen sollte
und eine vorzeitige Abreise oder Evakuierung nicht auszuschließen ist,
sollten Sie sich vorbereiten:
- Informieren Sie sich so umfassend wie möglich. Deutsche
Auslandsvertretung, Arbeitgeber, Nachrichtenagenturen im Internet,
Kurzwellensender etc. sind gute Quellen. Vorsicht vor Gerüchteküche und
allgemeiner Panikmache.
- Die deutsche Auslandsvertretung vor Ort spricht
Sicherheitsempfehlungen aus. Diese reichen von der Empfehlung zu
erhöhter Vorsicht bis hin zur Organisation einer Evakuierung der
deutschen Staatsbürger. Eine Evakuierung wird im Notfall vom Krisenstab
des Auswärtigen Amts beschlossen, gemeinsam mit der Auslandsvertretung
organisiert und den Bürgern angeboten. Aber sie basiert, wie auch alle
Reisehinweise und -warnungen, auf Freiwilligkeit. Das bedeutet, niemand
wird gegen seinen Willen ausgeflogen.
- Besprechen Sie im Familienkreis, wie das Notfallprozedere aussehen könnte.
- Überlegen Sie, was Sie im Fall einer vorzeitigen Abreise mitnehmen. Planen Sie einen Koffer und ein Stück Handgepäck pro Person.
- Erstellen bzw. aktualisieren Sie eine Liste Ihres Hausrats vor Ort.
- Bereiten Sie Ihr Haus/Ihre Wohnung für die Abreise vor. Wer bekommt einen Schlüssel, wer kümmert sich um die Rechnungen?
- Klären Sie, ob Sie Ihre Haustiere mitnehmen können bzw. klären Sie, wer sich während Ihrer Abwesenheit um sie kümmert.
Evakuierung - Was muss mit?
Wenn eine Evakuierung notwendig wird, ist es wichtig, dass Sie
sorgfältig und überlegt packen. Denken Sie daran, Ihre Kinder in die
Überlegungen mit einzubinden. Für Kinder ist es wichtig, persönliche
Dinge wie Spielzeug einpacken zu können. Eine Checkliste für das
persönliche Handgepäck:
- Pässe, Ausweise
- Führerscheine
- Stammbuch/Geburts- und Heiratsurkunden
- Medikamente
- Impfpässe
- Ersatzbrillen
- Kreditkarten, Schecks, aktueller Kontoauszug
- Zeugnisse
- Liste der monatlichen finanziellen Verpflichtungen
- Adressbücher
- Liste des zurückgelassenen Hausrats
- Wäsche zum Wechseln
- Kleinigkeiten zum Essen wie Kekse, Saft
- Bücher, kleine Spiele
Nach einer Evakuierung
Nach einer Evakuierung oder vorzeitigen Ausreise müssen Sie damit
rechnen, dass die Situation eine Weile verworren und unklar bleibt.
Versuchen Sie deshalb, so gut es geht, eine der neuen Situation
angepasste Alltagsroutine zu schaffen. Sprechen Sie mit anderen über
die gemachten Erfahrungen, versuchen Sie nicht, Ängste und Besorgnis
mit sich alleine auszumachen.
Zu guter Letzt
Wir alle wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, im Ausland eine extreme
Krisensituation zu erleben, eher gering ist. Gleichzeitig wäre es
illusorisch, eine solche Situation vollkommen auszuschließen. Eine gute
persönliche Notfall-Planung kann Ihnen im Fall der Fälle die
angemessenen Reaktionen erleichtern. Wenn dieser Fall nie eintritt, ist
es um so besser.
Autorin: Brigitte Hild
Personal.Manager International