Für den Arbeitgeber in ein anderes Land: Das bedeutet für
Expatriates neben der Begegnung mit der neuen Kultur auch die Hürde
einer fremden Sprache. Wie viel Sprachkenntnisse müssen sein? Wie lernt
man das Notwendige am besten? Und wie finden Expatriates die passende
Lösung für ihre individuelle Situation?
Für die einen ist es einer der großen Vorteile des
Auslandslebens, für andere gleicht es einem Alptraum: Die Hürde der
fremden Sprache. Es gibt sie, die wahren Sprachtalente, die sich mit
Wonne der Herausforderung stellen, sich möglichst schnell fließend in
der neuen Landessprache auszudrücken. Zu ihnen gehört auch Karin
Merkers. Ganz gleich ob São Paulo, Athen oder Stockholm, an jedem der
Einsatzorte ihres Manns hat sie sich mit viel Energie die jeweilige
Sprache erschlossen. Die Vorteile liegen für sie auf der Hand: "Mit
Sprachkenntnissen bekomme ich einfach viel mehr mit. Ich kann mich im
Alltag ganz anders bewegen, finde auch leichter Kontakt außerhalb der
Expat-Community und außerdem macht es mir Spaß."
Martina Schaber sieht das ganz anders: "Warum soll ich mich mühsam
mit Schwedisch quälen, ich komme hier prima mit meinem Englisch
zurecht." Für Martina Schaber ist Stockholm der vierte Auslandseinsatz
in Folge, ihr Mann Paul arbeitet für das gleiche Unternehmen wie der
Partner von Karin Merkers. Zuvor war das Paar in den USA, in Abu Dhabi
und in Hongkong stationiert. Die Kinder besuchen die Internationale
Schule, ihr soziales Umfeld finden die Schabers dort und im Kreis
anderer Expats. "Wir wissen genau, dass wir Stockholm in drei,
spätestens vier Jahren wieder verlassen", sagt Martina Schaber,
"Schwedisch werde ich dann nie wieder brauchen. Warum sollte ich also
so viel Zeit, Energie und Geld investieren, um etwas zu lernen, das mir
keinen Vorteil bringt?".
Zwei Frauen, zwei gegensätzliche Ansichten. Fest steht: Mit
Deutsch alleine kommt man höchstens in unseren Nachbarländern zurecht.
Also müssen zumindest die Englischkenntnisse ausreichen, um den Alltag
in einem fremden Land zu bewältigen. Doch wer dem Gastland, seiner
Kultur und seinen Menschen wirklich näher kommen möchte, kommt an der
Landessprache nicht vorbei.
Das haben auch die meisten Unternehmen erkannt und schnüren ihren
Auslandsmitarbeitern ein Entsendungspaket, das zumindest einen
Grundkurs in der neuen Sprache beinhaltet. Doch die mitausreisenden
Familienmitglieder bleiben noch viel zu häufig sich selbst überlassen,
wenn es darum geht, sich das neue Idiom zu erschließen. Dabei sind es
gerade Partner bzw. Partnerin und Kinder, die im Ausland viel stärker
mit dem Alltag konfrontiert werden als der Expat selbst. In der Firma
dominieren häufig Deutsch oder Englisch. Die Familie aber braucht
Sprachkenntnisse in der Schule, beim Einkauf oder im Umgang mit
Handwerkern. Doch was ist wirklich nötig? Und wie geht man das Lernen
am Sinnvollsten an?
Grundlage aller Überlegungen ist natürlich das Land, in dem der
Auslandsmitarbeiter einige Jahre leben soll. Welche Sprache dominiert
in der Firma? Wie lässt sich der Alltag bewältigen? Steht z.B. eine
Versetzung nach Shanghai an, wird kaum jemand von einem Expatriate
erwarten, dass er verhandlungssicheres Chinesisch spricht. Geht es
dagegen nach Frankreich, stößt jeder auf heftige Widerstände, der
darauf besteht, sich auf Deutsch oder Englisch durch den Alltag zu
bewegen. Für den Aufenthalt in einem nordafrikanischen Land wie
Tunesien oder Marokko macht es oft mehr Sinn, gut Französisch zu
lernen, als sich mit dem ungleich schwereren Arabisch zu bemühen.
Angehende Expatriates sollten daher vor der Ausreise mit Menschen
sprechen, die aus ihrem zukünftigen Gastland kommen oder dort für
einige Zeit gewohnt haben und sie nach ihren Erfahrungen befragen. Doch
Achtung: Ein wenig Vorsicht scheint immer dann angebracht, wenn
erfahrene Expats im Brustton der Überzeugung erklären, dass man
überhaupt keine Kenntnisse in der Landessprache benötigt. Einige erste
Sätze in der fremden Sprache, so holprig sie einem Neuankömmling auch
von den Lippen kommen, signalisieren den Menschen im Gastland Interesse
und Sympathie für Land und Leute. Die Gastgeber werden die Bemühungen
anerkennen und honorieren - so manche mit liebenswertem Akzent
vorgebrachte Grußformel wirkt wie einTüröffner.
Im nächsten Schritt sollten Ausreisende sich über ihre individuelle Situation Gedanken machen:
- Wo liegen die persönlichen Ziele?
Möchten die
Newcomer im Ausland möglichst viel über Land und Leute erfahren?
Reisen? Plant der begleitende Partner/die begleitende Partnerin, sich
vor Ort um Arbeit zu bemühen? Dann sind Sprachkenntnisse natürlich
wichtiger, als wenn sie sich überwiegend im Alltag einer
internationalen Expat-Community bewegen werden.
- Was steht an Zeit und finanziellen Mitteln zur Verfügung?
Wie
viel Zeit kann für den Unterricht und das unerlässliche Üben
realistischerweise eingeplant werden? Was darf der Sprachkurs kosten?
Denken Sie dabei auch an die Ausgaben für eine eventuelle
Kinderbetreuung.
- Wie sind die persönlichen Voraussetzungen?
Mag
der angehende Expatriate Sprachen? Fällt ihm das Lernen leicht? Ist
er/sie diszipliniert genug, um mit Büchern, CDs oder PC im stillen
Kämmerlein zu arbeiten? Oder brauchen es die Anregung und den Ansporn
durch eine Gruppe?
Die Klärung dieser Fragen hilft angehenden Expatriates, eine
Unterrichtsform zu finden, die ihren persönlichen Bedürfnissen am
besten entgegen kommt.
Volkshochschule, Kulturinstitute:
Kurse an
der örtlichen Volkshochschule oder dem Kulturinstitut eines Landes
(z.B. British Council) sind die preisgünstigste Alternative beim
Sprachenerwerb. Allerdings sind diese Kurse in der Regel für einen
längeren Zeitraum angelegt. Mit zwei Wochenstunden Unterricht ist das
Tempo zwar passend für Menschen, die in der Freizeit eine Sprache
erlernen möchten. Für Expats mit einem baldigen Ausreisedatum vor Augen
geht es hier allerdings meist viel zu bedächtig voran.
Private Sprachschulen:
Private Sprachschulen
offerieren eine wesentlich größere Bandbreite an Unterrichtsformen.
Einzeltraining, Wochenend-Kurse, Gruppenunterricht und Crashkurse
werden angeboten. Einige Schulen haben sich auf die sprachliche
Vorbereitung von Expatriates eingestellt und kombinieren
Sprachunterricht mit kulturellem Know-how. Die Preisspanne bei privaten
Anbietern ist groß, daher lohnt es sich, eine Reihe von
Vergleichsangeboten einzuholen. Ob der gebotene Unterrichtsstil zusagt,
erfahren potentielle Schüler am besten in einer kostenlosen
Probestunde.
Selbststudium:
Neben den traditionellen
Kassetten- bzw. CD-Sprachkursen setzen sich in der letzten Zeit immer
mehr Computer-Lernprogramme durch. Auch im Internet sind mittlerweile
Online-Sprachkurse möglich. Preisspanne und Qualität variieren bei den
Selbstlernprogrammen sehr. Bevor man ein Programm kauft, empfiehlt sich
eine ausgiebige Beratung. Viele öffentliche Büchereien leihen auch
Sprachlern-Programme aus, so dass sich hier erst einmal antesten lässt,
ob dem Ausreisenden das Programm und die Lernweise liegen. Der Vorteil
aller Programme: Die Schüler sind zeitlich absolut unabhängig, können
Sonntagsnachmittags mal ein Stündchen einschieben oder beim Autofahren
Vokabeln hören. Wer mit dieser Lernform liebäugelt, sollte sich vorab
jedoch ehrlich fragen, ob die Motivation groß genug ist, dann auch
wirklich konsequent am Ball zu bleiben.
Lernen im Gastland:
Ist die Zeit vor der
Ausreise knapp, reicht es für viele Expats oft nicht mehr zur
Beschäftigung mit der neuen Sprache. Und der Unterricht im Land selbst
hat in der Tat eine Reihe von Vorteilen:
- Die fremdsprachige Umgebung macht es leichter, sich in die neue Sprache einzuhören.
- Gelerntes kann sofort angewandt werden, das bringt schnelle Erfolgserlebnisse.
- Mitausreisende Partner/Partnerinnen haben im Ausland oft mehr
Zeit zur Verfügung als zu Hause, können eventuell die Kinderbetreuung
leichter organisieren.
- In Gruppenkursen mit anderen Expats, wie sie beispielsweise
auch von manchen Deutschen Schulen angeboten werden, knüpfen Expats
schnell Kontakte, und der Alltag vor Ort motiviert, auch wirklich am
Ball zu bleiben.
Doch auch, wer erst im Ausland mit "richtigem" Unterricht beginnen
will, sollte versuchen, vorab zumindest einige wichtige Phrasen zu
lernen, um sich in den ersten Tagen nicht vollkommen sprachlos zu
fühlen. Sehr hilfreich hierbei: Kleine Reisewörterbücher
(Langenscheidts, Pons u.a.), die in jede Tasche passen und neben einem
Grundvokabular die wichtigsten Redewendungen für viele Situationen mit
Aussprache-Regeln vorstellen.
Die folgenden Tipps helfen auf dem Weg zum Erfolg:
- Üben, üben, üben,
ohne Scheu vor Fehlern! Dies
ist der wichtigste Tipp. Eine Sprache lernt man nur dann wirklich gut,
wenn man Perfektheitsanspruch und Grammatikbuch ab und zu beiseite legt
und sich zu sprechen traut. Das beste Motto für alle Sprachschüler:
Nobody is perfect.
- Genügend Zeit einplanen:
Etwa drei Stunden Unterricht pro Woche und eine kurze tägliche Übungsphase sollten es schon sein.
- Sich der Sprache öffnen:
Anfänger sollten
jede Gelegenheit nutzen, sich mit der fremden Sprache zu beschäftigen.
Radio hören, fernsehen, in Magazinen blättern, ins Kino gehen, im
Internet surfen. Auch wenn man zunächst wenig versteht, hilft das, sich
in die neue Sprache einzufinden. Zu Anfang bestens geeignet sind - auch
für Erwachsene - Kinderbücher in der neuen Sprache.
- Partner suchen:
Mit einem Lernpartner macht das Üben mehr Spaß, man motiviert sich gegenseitig.
- Mit dem Wörterbuch arbeiten:
Mini-Wörterbuch
und Notizbuch sollten Expatriates in den ersten Monaten immer dabei
haben. Denn Vokabeln, die man in einer aktuellen Situation nachschlägt,
prägen sich besonders gut ein.
Egal, wohin es Auslandstätige und ihre Familien in die Welt
verschlägt: Das Erlernen von sprachlichen Grundkenntnissen zahlt sich
aus. Dabei geht es nicht nur darum, im Büro mit ein paar persönlichen
Worten den Grundstein für ein positives Arbeitsklima zu legen oder
einfache Alltagssituationen, wie den Einkauf oder die Bestellung im
Restaurant, gelassen zu bewältigen. Die Sprache ist auch der Schlüssel
zur Kultur eines Landes. Expatriates werden viel eher hinter die
Kulissen sehen, Land und Leute besser verstehen, wenn sie sich ihnen
auch sprachlich annähern. Und so mancher Delegierte hat im Ausland
seine Leidenschaft für fremde Sprachen entdeckt!
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