Die Entscheidung für das Engagement in Vietnam kam überraschend:
Auf Empfehlung eines ehemaligen Mitarbeiters hatte sich der Vorstand
eines Software-Anbieters in Ho-Chi-Minh-Stadt umgesehen. Kurzerhand
beschloss er, das investitionsfreundliche Klima zu nutzen, um einen
Teil seiner Spezial-Software künftig in Südostasien programmieren zu
lassen. Eine Mitarbeiterin aus dem Stammhaus wurde auserkoren, vor Ort
Aufbauarbeit zu leisten. Somit stand dem Unternehmen der erste
internationale Mitarbeitereinsatz ins Haus.
Ist bei Dienstreisen, die deutsche Finanzbehörden bis zu einem
Zeitraum von maximal drei Monaten anerkennen, lediglich die Frage
eventueller Visa zu klären, so ist die Planung eines längeren Einsatzes
von Auslandsmitarbeitern, im Fachjargon häufig als Expatriates oder
Expats bezeichnet, wesentlich komplexer. Böse Zungen behaupten gar, die
Durchführung gleiche der berühmten Quadratur des Kreises:
Fachabteilung, Personalbereich, lokales Management im Ausland und
Expatriate - sie alle haben unterschiedliche Vorstellungen und
Erwartungen, die darüber hinaus mit rechtlichen Bestimmungen und
komplizierten länderspezifischen Voraussetzungen in Einklang gebracht
werden müssen.
Hilfe bei der Orientierung im Vorschriften-Dschungel und tatkräftige
Unterstützung bei praktischen Fragen versprechen die Anbieter von
Beratungs- und Serviceleistungen für Expatriates, die sich weltweit in
den vergangenen Jahren einen festen Platz erobert haben. Sie werden
überwiegend im Auftrag von entsendenden Unternehmen tätig, weil eine
zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft mehr internationale
Mitarbeitereinsätze forciert. Dabei hat sich der Kostendruck für die
Firmen verschärft. Längst gehören finanziell großzügige
Rundum-sorglos-Packages für Expats der Vergangenheit an. Zugleich aber
steigt das Bewusstsein, dass eine gute Vorbereitung und Unterstützung
der Auslandsmitarbeiter enorm dazu beitragen, den Erfolg eines
Auslandseinsatzes zu sichern.
Hohe Priorität räumen die Firmen naturgemäß dem Bereich
Gehaltsberechnung, Sozialversicherung, Steuern und Arbeitsrecht ein.
Verständlich, denn die einschlägigen Vorschriften sind je nach Land so
komplex, dass schon das Übersehen einer Kleinigkeit ungeahnte und kaum
mehr zu korrigierende finanzielle oder juristische Folgen für Expat
oder Unternehmen haben kann. Eine gute Beratung ist daher unerlässlich.
Im Bereich der Krankenversicherung steigen verstärkt private
Anbieter in das Geschäft mit Expatriates ein. Häufig wird die reine
Versicherungsleistung durch Zusatzservices wie
24-Stunden-Notfall-Telefon, Rückholservice, Impfberatung oder eigene
Vertragsärzte oder -kliniken ergänzt. Ebenfalls ein komplexes Thema ist
die Beantragung von Visum und Arbeitserlaubnis. Erste Anlaufstelle ist
hier die Botschaft des Entsendungslandes. Aber auch spezialisierte
Agenturen und Anbieter von Relocation-Dienstleistungen beraten
Unternehmen und Expats oder nehmen die Beantragung auf Wunsch ganz in
ihre Hand.
Während die entsendenden Unternehmen den Hard Facts im Rahmen ihres
Expat-Managements größte Aufmerksamkeit widmen, benennen Expatriates
das familiäre Umfeld sowie Integration und Reintegration als größte
Problemfelder, wie eine im Juli 2003 veröffentlichte Studie¹ der
Unternehmensberatung Ernst & Young bestätigte. Kein Wunder,
schließlich leben 80 Prozent aller Expats in einer festen Partnerschaft
und gehen mit Familie auf die Reise. Die Firmen wissen: Nur wenn im
familiären Umfeld die Zeichen nicht auf Sturm stehen, hat der entsandte
Mitarbeiter den Rücken frei, um sich mit aller Kraft für seine
berufliche Aufgabe einzusetzen. Gleichzeitig wird es immer wichtiger,
so genannten High Potentials eine Zeit im Ausland überhaupt erst
schmackhaft zu machen. So zeigte eine groß angelegte Untersuchung von
PriceWaterhouseCoopers: Wenn potenzielle Expats eine Entsendung
ablehnen, sind in gut drei Viertel aller Fälle familiäre Gründe
ausschlaggebend².
Zu den bekanntesten Dienstleistungen bei Personaltransfers gehören
die Relocation Services. Der Begriff ist nicht geschützt, die Anbieter
reichen von international arbeitenden Agenturen bis hin zu engagierten
Ein-Mann-Betrieben. Zu den klassischen Bausteinen der Relocation zählen
Betreuung bei der Wohnungssuche, Hilfe bei der Auswahl von Schule oder
Kindergarten und die Unterstützung bei allen mit dem Umzug verbundenen
Formalitäten, wobei das Leistungsspektrum je nach Anbieter variiert. So
gibt es Relocator, die ihren Kunden auch Sprachkurse,
Übersetzungsdienste und Interkulturelle Trainings anbieten oder nach
dem Umzug einige Monate für alle Fragen der Expatfamilie zur Verfügung
stehen.
Bei allen Auslandsentsendungen ist eine interkulturelle Vorbereitung
unerlässlich. Die Bandbreite reicht von mehrwöchigen
Vorbereitungskursen bis zum individuellen Einzeltraining. Wichtig ist
neben sorgfältig ausgewählter Methodik und Kompetenz der Trainer vor
allem, dass im Seminar auch die Auswirkungen des Alltags im Ausland auf
Partnerschaft und Familienleben erörtert werden. Daher sollten die
mitausreisenden Partner und größere Kinder immer in eine
interkulturelle Vorbereitung mit einbezogen werden. Eine sinnvolle
Ergänzung des Pre-Departure-Trainings bietet einige Wochen nach der
Ankunft ein Follow-up, das häufig als persönliches Coaching oder in
Form eines E-Learning-Moduls angeboten wird.
Auch wenn im Job in vielen Fällen Englisch genügt: Kenntnisse der
Landessprache ermöglichen einen tieferen Zugang zu Land und Leuten. An
vielen Entsendungsorten haben sich Sprachschulen auf die Betreuung von
Expatriates spezialisiert. Ergänzend zum Sprachunterricht vermitteln
sie Wissenswertes über das Leben im Gastland, unterrichten und
begleiten in Alltagssituationen, wie zum Beispiel beim Einkauf, und
organisieren Begegnungen zwischen Expats und Einheimischen.
Die traditionelle Einverdiener-Ehe gehört der Vergangenheit an.
Vorbei die Zeiten, in denen „Er“ im Ausland Karriere machte und „Sie“
ihm willig folgte. Die Dual Career-Problematik spielt bei 59 Prozent
der Ablehnungen von Auslandsangeboten eine Rolle. Junge und gut
ausgebildete Frauen überlegen heute sehr genau, ob sie die eigene
Berufstätigkeit dem Partner zuliebe für ein Auslandsabenteuer
unterbrechen. Viele Arbeitgeber unterstützen daher mitausreisende
Partner in Fragen der Bewerbung, bei der Erlangung einer
Arbeitserlaubnis oder bei der Suche nach Alternativen zu einem Job im
gewohnten Umfeld oder sie schalten spezielle Dienstleister ein.
Die meisten Unterstützungsangebote für Expats konzentrieren sich auf
den Zeitpunkt der Ausreise. Ist die Familie am Entsendungsort
angekommen, sind die Umzugskisten ausgepackt, beginnt jedoch die
eigentliche Herausforderung: Alltag und Job in einer fremden Umgebung
zu meistern. In dieser Situation ist es hilfreich, einen
Ansprechpartner für alle praktischen und persönlichen Fragen zu haben,
bevor Irritationen sich zu Problemen auswachsen. Die deutschen
Auslandshandelskammern vor Ort und Expatriate-Clubs bieten mit
Veranstaltungen und informativen Webseiten erste Hilfestellung. Oft
aber sind Spezialisten gefragt, die mit der speziellen Lebenssituation
von Expatriates vertraut sind. Im englischsprachigen Raum haben sich
seit langem Anbieter von sogenannten Employee Assistance Programs
etabliert. Und inzwischen setzt sich auch in deutschen Unternehmen die
Erkenntnis durch, dass eine gute, kontinuierliche Unterstützung der
Auslandsmitarbeiter nicht nur unkompliziert und kostengünstig möglich
ist, sondern zudem den Firmeninteressen dient.
Schließlich lindert
eine auf die Bedürfnisse entsandter Familien zugeschnittene Begleitung
durch vertraulich arbeitende Spezialisten die Belastungen einer
Auslandsentsendung merklich und gibt dem Expatriate die Chance, seine
Energien, seine Kreativität und sein Know-how tatsächlich dafür
einzusetzen, wozu er den Schritt in die Fremde gewagt hat: Sein
Unternehmen erfolgreich zu vertreten.
¹ Studie „Auslandsentsendungen auf dem Prüfstand“, Ernst & Young, Juli 2003, Bestellung und Kurzversion online unter
http://www.ernst-young.com (Stichwort „Germany“ / „Studien“)
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